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Zur Individualisierung und zur Differenzierung des Unterrichts sowie zur Förderung und Forderung von Schülerinnen und Schülern orientiert sich das Kollegium der Heideschule am Oldenburger Konzept.

Das Oldenburger Konzept

Zwischen dem Sommer 2002 und dem Frühjahr 2005 bildete ein Team von Oldenburger Kolleginnen und Kollegen Lehrkräfte aus den Regierungsbezirken Weser-Ems und Lüneburg für die Unterrichtsentwicklung im Rahmen der "Qualitätsentwicklung in Netzwerken" aus. Zu diesem Zweck entwickelte eine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen (Wolfgang Mischke, Hanna Kiper, Franz Wester, Detlef Spindler und Hilbert Meyer) 5 Module und erprobte sie. Das Konzept ist ierstmals m Juli 2003 erschienen und liegt nun in der 3. Auflage vor unter dem Titel:

Hanna Kiper, Hilbert Meyer, Wolfgang Mischke, Franz Wester:

Qualitätsentwicklung in Unterricht und Schule.

Das Oldenburger Konzept.

Universität Oldenburg. Didaktisches Zentrum.

Oldenburg 2004 (3. Auflage) 

Im Folgenden wird das Projekt in seiner Konzeption genauer vorgestellt.

Einführung in die 5 Module 

1. Was ist Unterrichts- und Schulqualität? – Kurze Einführung in die Qualitätsdiskussion

2. Grundannahmen des Oldenburger Konzeptes zur Qualitätsentwicklung in Unterricht und Schule

3. Die Module und ihr Zusammenhang

4. Unsere Module und ihre Inhalte im Detail

5. Zur Verbesserung der Qualität von Unterricht durch Lehrerfortbildung – Abschließende Überlegungen

Literatur

 

1. Was ist Unterrichts- und Schulqualität? – Kurze Einführung in die Qualitätsdiskussion

Qualität von Unterricht und Schule ist sicherlich ein vielfach genutzter und auch unterschiedlich verwendeter Begriff.

Der Qualitätsbegriff – angewendet auf das Schulsystem und die Einzelschule - unterlag gewissen Wandlungen. In den 70er Jahren war die Vorstellung von Qualität mit der Forderung nach einem Ausbau des Schulsystems, nach mehr Bildung für alle und Chancengleichheit verbunden, wobei man besonders Bildungsbenachteiligungen kompensieren wollte (bekannt wurde die Kunstfigur des Katholischen Arbeitermädchens vom Lande, das konfessionelle, soziale, geschlechtsspezifische und regionale Benachteiligungen in ihrer konkreten Ausprägung markierte). In den achtziger Jahren wurde Qualität vor allem auf der Ebene der Einzelschule festgemacht. Die gute Schule als Einzelschule sollte durch Schulprogrammarbeit entwickelt werden. Dieser Ansatz setzte auf die Herausbildung eigener pädagogischer, fachlicher und kultureller Profile von Einzelschulen, begünstigte aber - gerade auf dem Hintergrund ungleicher Umfeldbedingungen - Formen der Auseinanderentwicklung von Schulen (Konzept der Schulvielfalt). Im Konzept der Schulqualität werden Überlegungen zur Schulentwicklung als Einzelschulentwicklung mit Vorgaben zur Schulgüte verknüpft: Schulqualität wird dabei mehrfach dimensioniert und zum Hebel der Erneuerung staatlicher Schulen.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde - nach Veröffentlichung der Ergebnisse der PISA-Studie – neu über Qualität nachgedacht, insofern, als die Schülerleistungen als Indikator auch für die Leistungen des staatlichen Schulsystems (auf dem Hintergrund einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Input und dem Output des Systems) in den Blick genommen wurden. Qualität wird nicht mehr nur normativ, sondern auf der Grundlage empirischer Ergebnisse diskutiert. Ebenfalls relevant werden Fragen der Effizienz und Effektivität des Schulsystems.

Will man mit Thomas Riecke-Baulecke Qualität dimensionieren, dann bietet es sich an, die Qualität eines Systems, bezogen auf seine Struktur, die Wirksamkeit der Prozesse und seine Effekte zu unterscheiden. Qualität beschreibt „die typische Beschaffenheit eines Systems in der Einheit von Ergebnisqualität (Effekte), Prozessqualität (Effizienz) und Strukturqualität (funktionale Arbeitsbedingungen, Leistungsvoraussetzungen der Arbeitskräfte)“ (Riecke-Baulecke 2001, 119).

Die Strukturqualität ist auf Leistungsvoraussetzungen, Arbeitsbedingungen und Produktionsmittel in einem Unternehmen oder eine Institution bezogen. Dazu zählen – bezogen auf eine Schule - z. B. deren Ausstattung und arbeitshygienische Bedingungen (räumliche und finanzielle Bedingungen, Lehr- und Lernmittel, Sammlungen, Vorhandensein von Computern), Arbeitszeitregelungen, Qualifikationen der Lehrkräfte etc.

Die Prozessqualität bezieht sich auf die Wirksamkeit der Abläufe, insbesondere der Arbeitsprozesse in einem Unternehmen oder einer Institution. Dazu zählt die Zielklarheit und Focussierung auf die Kernaufgabe, die Motivation der Arbeitskräfte, die Ökonomie des Zeit- und Ressourceneinsatzes. Die Prozessqualität einer Schule zeigt sich in der Wirksamkeit der Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler und der Wirksamkeit der Arbeitsprozesse der Lehrerinnen und Lehrer.

Ergebnisqualität umfasst die Effekte, die ein Unternehmen oder eine Institution erzielt. Ergebnisqualität einer Schule zeigt sich u.a. im Erreichen der Ziele der Bildungs- und Lehrpläne, also in kognitiven, sozialen, sportlichen und künstlerischen Schülerleistungen, in Integrationsquoten, in der Zahl vergebener Schulabschlüsse, in den Zensuren von Jahrgängen und Abschlussklassen und im Werdegang der Absolvent/inn/en, aber auch in der Akzeptanz der Schule in der Öffentlichkeit.

Diskutieren wir über Qualität, dann kann die Herstellung und Sicherung der Qualität auf der Ebene des Gesamtsystems in den Blick genommen werden (vgl. Fend 1998, 2000). Ebenso kann es darum gehen, wie auf der Ebene der Einzelschule Qualität hergestellt wird.

 

2. Grundannahmen des Oldenburger Konzeptes zur Qualitätsentwicklung in Unterricht und Schule

Das Oldenburger Projekt zur Qualitätsentwicklung in Unterricht und Schule wurde in seinen konzeptionellen Grundzügen zwischen Dezember 2001 und Anfang März 2002 entwickelt. Es bezog sich einerseits auf die Qualitätsdebatte, die bis zu diesem Zeitpunkt in verschiedenen Bundesländern, vor allem in Niedersachsen geführt wurde und auf bildungspolitische Konsequenzen, die aus den Ergebnissen der PISA-Studie (PISA 2000) zu ziehen sind. Darüber hinaus fließen über zwanzigjährige Erfahrungen aus der Lehrerbildung an verschiedenen Universitäten und aus der Lehrerfort- und Weiterbildung ein.

Ich möchte einige Maximen darlegen, von denen der Oldenburger Ansatz getragen ist:

Wenn wir über gute Schulen und ihre Indikatoren nachdenken und Schulen als Institutionen dafür Sorge zu tragen haben, Qualität zu sichern und zu verbessern, so zeigt sich diese vor allem auf der Ebene des Unterrichts. Qualität des Unterrichts ist eng mit der Professionalisierung von Lehrerinnen- und Lehrerhandeln verknüpft (vgl. Esslinger 2002).

Ein wichtiger Indikator für Qualität ist die Zielklarheit des Unterrichts. Um einen Lernfortschritt zu organisieren, muss dieser von den Curriculumvorgaben her gedacht, angelegt und organisiert sein. Um eine Vergleichbarkeit der Schulen, bezogen auf ihre Leistungen, herzustellen, sind Standards vorzugeben, die benennen, was Schülerinnen und Schüler in einem bestimmten Alter wissen und können sollen. Daher ist die staatliche Administration aufgefordert, durch ein sinnvolles Curriculum den Lernfortschritt zu ermöglichen und – über Standards – den Schulen Leistungsvorgaben zu machen.

Auf der Ebene der Einzelschule sind, solange ein den Lernfortschritt ermöglichendes Curriculum und darauf abgestimmte Standards noch nicht existieren, Diskussionsprozesse über die Ziele des fachlichen und überfachlichen Unterrichts zu initiieren und zu erreichende Standards in verschiedenen Lernbereichen und Fächern resp. fächerübergreifend - zwischen den Klassen- und Fachlehrern einer Schule resp. zwischen Schulen abzusprechen. Der Professionalisierungsprozess der Lehrkräfte umfasst auch verantwortliche Curriculumarbeit. Hier ist das Curriculum unter dem Focus zu überprüfen, ob es einen sinnvollen Lernaufbau eher behindert oder ermöglicht. Daraus sind Konsequenzen für die Arbeit in den Lernbereichen und Fächern und die Anlage des Wissensaufbaus zu ziehen.

Auf der Ebene des Unterrichts ist systematisch über die Organisation von Lehr- und Lernprozessen auf unterschiedlichen Niveaus des Wissens und Könnens, auf unterschiedlichen Lern- und Leistungsniveaus nachzudenken. Aus der PISA-Studie 2000 und der IGLU-Studie 2003, die Wissen und Können domänenspezifisch in Kompetenzstufen unterteilt, ist – unter didaktischer Perspektive - die Folgerung zu ziehen, das verschiedene Vorwissen der Schüler zu berücksichtigen und Aufgaben auf unterschiedlichen Kompetenzstufen anzubieten. Der Focus auf Kompetenzstufen als Ausgang für didaktische Überlegungen ermöglicht eine Analyse des eigenen Unterrichts, bezogen auf Qualität und Organisation des Wissensangebots und der angestrebten Lernarrangements und eine Berücksichtigung verschiedener Schülergruppen schon bei der Unterrichtsplanung (vgl. Modul 1 und 3).

Der Einsatz vielfältiger Unterrichtsmethoden ist schon deshalb wünschenswert, um einer Monotonie des Unterrichts entgegenzuwirken. Professionelle Lehrerinnen und Lehrer eignen sich eine Vielzahl von Unterrichtsmethoden an. Auf dem Hintergrund der Veröffentlichung der Ergebnisse der PISA-Studie 2000 (Deutsches PISA-Konsortium 2001) stellen sich nun, bezogen auf die Methoden, eine Vielzahl neuer Fragen:

· Ist die gewählte Methode geeignet, einen Sachverhalt in den Lernhorizont des Schülers oder der Schülerin zu rücken?

· Wird die Methode den Strukturen des Lerngegenstandes gerecht? Ist die Methode sachlich angemessen?

· Fördert die gewählte Methode die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler?

· Wird die Methode auf dem jeweils angestrebten Kompetenzstufenniveau eingesetzt und konkretisiert?

· Passt die Methode für das Lernen in der jeweiligen Domäne?

· Fördert die Methode das selbstständige und selbstregulierte Lernen der Schülerinnen und Schüler?

Wir gehen davon aus, dass Methoden lernbereichsspezifisch und fachspezifisch zu konkretisieren sind. Sie müssen – je nach Stufe des Wissens und Könnens – unterschiedlich komplex entwickelt und eingesetzt werden. Ihr Sinn zeigt sich darin, inwiefern sie zu den notwendigen Lernarrangements passen, die zur Förderung der Lernprozesse eines Schülers oder einer Schülerin oder von Schülergruppen aufgebaut werden (vgl. Modul 2 und Modul 3).

Wir gehen davon aus, dass zur Steigerung der Qualität des Unterrichts mit einem Modell der Planung und Steuerung von Unterricht gearbeitet werden muss, Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler und die Diagnose und Überprüfung dieser Lernprozesse (Monitoring) in den Mittelpunkt stellt. Nur mit einem neuen Verständnis über die Aufgaben des Unterrichts kann die Schule zu einem „Haus des Lernens“ werden. Unterricht wird dabei als zielführende Abfolge von Lernarrangements verstanden, die inhaltlich, sozial und dramaturgisch angemessen angelegt sein müssen. Planungsüberlegungen der Lehrkraft für ihren Unterricht haben das angestrebte Kompetenzniveau, diagnostisch relevante Aufgaben, ein Standardarrangement von Lernprozessen und alternative Lernarrangements zu bedenken. Der Lehrkraft kommt die Aufgabe der Steuerung des Unterrichts über Momente des Klassenmanagements und des Eingreifens bei Lernschwierigkeiten und Unterrichtsstörungen auf der Basis einer Diagnose der Lernprozesse und basierend auf dem Einsatz von Monitoring-Verfahren gegenüber dem eigenen Unterricht zu. Damit bringt das Oldenburger Modell ein Verständnis zum Ausdruck, dass Unterrichtsqualität nur durch Veränderung einer Vielfalt von Faktoren hergestellt werden kann (vgl. Modul 3).

Das Oldenburger Modell nimmt die These des PISA-Konsortiums auf, dass es an diagnostischer Kompetenz von Lehrkräften fehlt. Die Förderung der Lernprozesse der Schülerinnen ist daran geknüpft, dass Lehrkräfte diagnostizieren lernen. Daher wird auf die Fundierung und Weiterentwicklung diagnostischer Kompetenz Wert gelegt (vgl. Modul 4).

Die Verbesserung der Qualität von Schule und Unterricht im Sinne einer Verbesserung der Schülerleistungen kann nur gelingen, wenn der Unterricht und hier die Beförderung der Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler zum Mittelpunkt qualitätsfördernder Maßnahmen wird. Bisherige Konzepte der Schulentwicklung sind entweder auf die Organisation Schule oder auf das Personal (Lehrkräfte) gerichtet (Organisationsentwicklung, Personalentwicklung). Sie basieren in der Regel nicht auf einer angemessenen Theorie des Unterrichts, die Unterricht als Geschehen zur Förderung der Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler fasst und die Weiterentwicklung des Unterrichts und die Personalentwicklung zusammen denkt. Wir gehen davon aus, dass bestehende Modelle einer Schulentwicklung als Organisationsentwicklung zurückzubinden sind an die Überprüfung der Schülerleistungen. Die Qualität der Lernprozesse und Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler wird durch guten Unterricht und seine gemeinsame Konzeption und Verantwortung durch verantwortlich handelnde Lehrkräfte gesichert, die sich in Fachkonferenzen und pädagogischen Konferenzen über ihre Aufgaben verständigen, sie konkretisieren und in der Organisation Schule wirksam werden lassen. Von daher müssen Modelle der Qualitätssicherung auf der Ebene der Einzelschule im Lichte von PISA weiterentwickelt werden. Zugleich ist davon zu unterscheiden, was die Bildungsadministration auf der Ebene der Sicherung der Qualität des Gesamtsystems zu leisten hat (vgl. Modul 5).

Das Oldenburger Modell der Qualitätsentwicklung in Schule und Unterricht ist Programm und Fortbildungskonzeption zugleich. Als Programm drückt es – in Umrissen – unser Verständnis von den bildungspolitischen, fachwissenschaftlichen, fachdidaktischen und pädagogischen Aufgaben der Qualitätsentwicklung aus. Als Fortbildungskonzeption legt es grundsätzlich – in einzelnen Modulen – das pädagogische und psychologische Wissen vor, dass zur Grundlage selbstbestimmter Arbeit der Unterrichtsentwicklerinnen und Unterrichtsentwickler werden muss, die, ausgehend von den Problemen der Einzelschulen, das Wissen der Module schöpferisch anwenden und konkretisieren.

Zugleich sind die Module ein Fortbildungskonzept „in Bewegung“. Die Module wurden von einzelnen Autoren oder Autorenteams verfasst. Dabei macht sich bemerkbar, dass die Wissenschaftler/innen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Traditionen kommen. Auch wenn wir das Gesamtkonzept gemeinsam tragen, gibt es doch in Teilbereichen unterschiedliche Auffassungen. Das zeigt sich auch in gewählten Theorien und Modellen und manchmal auch unterschiedlich verwandten Begriffen der Fachsprache. 

Das Oldenburger Modell ist daher nicht „aus einem Guß“. Darin besteht aber auch eine Chance, fordert es doch die Leserinnen und Leser zum Denken und zu eigenen Beiträgen zur Qualitätsentwicklung in Schule und Unterricht heraus.

Wir begreifen die von uns entwickelten Module als Beitrag zur didaktischen Diskussion und gehen davon aus, dass sie sowohl von uns – unter Rückgriff auf neue allgemeindidaktische und fachdidaktische Überlegungen – durchdacht und fortgeschrieben werden, als auch von Lehrkräften konkretisiert werden.

 

3. Die Module und ihr Zusammenhang

Unser Ziel ist die Steigerung der Qualität des Unterrichts. Wir gehen davon aus, das sich dies nur über ein Bündel von Strategien erreichen lässt. Dafür haben wir fünf miteinander verbundene Zielfelder beschrieben, die in einzelnen Modulen konkretisiert werden. Das Ziel unserer Kurse, auf der Basis der vorgelegten Module (von denen hier eine Kurzfassung veröffentlicht wird), besteht darin, Lehrkräfte so weiterzubilden, dass sie ihr Wissen im eigenen Unterricht anwenden und als Unterrichtsentwickler/in an Kolleginnen und Kollegen auch anderer Schulen weitergeben können.

Qualitätsarbeit in Schulen setzt voraus, dass

 · deutlich geklärt ist, was inhaltlich – bezogen auf den Fachunterricht und das fächerübergreifende Lernen – unter Qualität zu verstehen, Standards abgesprochen werden und an einem Curriculum gearbeitet wird, das den Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler organisiert (Modul 1),

· Methoden und Verfahren lernbereichsspezifisch und sachangemessen entwickelt werden (Modul 2),

· ausgehend von der Zielsetzung der Einschränkung der großen Leistungsstreuung bei den Lernergebnissen (Befunde des PISA-Studie), der Unterricht für heterogene Lerngruppen auf dem Hintergrund eines besseren Verständnisses vom Aufbau kontinuierlich angelegter Lernarrangements konzipiert wird und neben Standardlernarrangements alternative Lernarrangements für unterschiedliche Schülergruppen konzipiert werden (Modul 3),

· - angesichts der Schwierigkeit der Lehrkräfte, Risikoschülerinnen und –schüler rechtzeitig zu erkennen und zu fördern, diagnostische Kompetenz der Lehrkräfte aufgebaut und vertieft wird (Modul 4),

· Unterrichtsqualität im Kontext anderer Qualitätsfaktoren (Personen, Schulleitung, Interaktionsformen, Entscheidungsstrukturen, Schulkultur, Umfeld) betrachtet wird. Zugleich wird die These formuliert, dass bisherige Modelle der Schulentwicklung ihren Focus verändern müssen und sich stärker auf die Unterrichtsentwicklung auszurichten haben und dass die Unterrichts- und Schulentwicklung deutlicher mit einer Professionalisierung des unterrichtenden Personals zu verbinden ist. Die Schulen müssen zur Orten der selbständigen Bearbeitung auftauchender Lehr- und Lernprobleme werden (Modul 5).

 

4. Unsere Module und ihre Inhalte im Detail

Modul 1 (Hanna Kiper)

Was sollen Schülerinnen und Schüler lernen? – Zur Angabe gestufter Kompetenzen und ihrer Messung

Ein Nachdenken über die Qualität des Unterrichts muss ausgehen von der Frage nach dem - dem Unterricht zugrunde liegenden - Curriculum und dem durch das Curriculum gedachten kumulativen Aufbau des Wissens. Lehrkräfte müssen Standards genannt werden oder diese selbst entwickeln und absprechen, um zielorientiert die Unterrichtsarbeit anlegen zu können. In diesem Modul wird die Frage nach der Lehrplanarbeit gestellt und die Vor- und Nachteile einer Lehrplanarbeit auf der Ebene des Staates resp. der Einzelschule diskutiert. Es werden Fragen nach der Zielklarheit des Unterrichts und dem erreichten Curriculum aufgeworfen. Das erreichte Curriculum zeigt sich in (getesteten) Schülerleistungen. Wir schlagen vor, ein durch Testverfahren auch in die didaktische Diskussion eingeführtes Modell, nämlich das der Kompetenzstufen, zum Ausgang für die weitere Planung von Unterricht, für die Festlegung des angestrebten Kompetenzniveaus, für die Anlage und Überprüfung von Lernprozessen und für die Organisation des Lernfortschritts zu verwenden. Solange auf nationaler Ebene oder auf der Ebene der Länder noch nicht durchgehend so gedacht wird, bleibt es die Aufgabe der Einzelschule, die Ziele des Unterrichts zu benennen und sie in Form gestufter Kompetenzen anzugeben. Die Vorgehensweise soll dabei helfen, in und zwischen den Schulen eine Verständigung über Standards im Fachunterricht und im fächerübergreifenden Unterricht zu eröffnen und die den Verfahren der Leistungsmessung und –beurteilung zugrunde gelegten Normen zu erörtern. Mit Schülerinnen und Schülern ist ein Gespräch über zu erreichende Ergebnisse (Lernverträge) und über Wege zu ausgewiesenen Kompetenzen unter Verwendung angemessener Methoden und Verfahren resp. Lehr- und Lernstrategien zu vereinbaren. Da nach unserer Auffassung kognitive Kompetenzen lernbereichsspezifisch anzulegen sind, ist in den Schulen Curriculumarbeit neu aufzunehmen. Das erste Modul formuliert ein Verfahren, das zeigt, wie die curriculare Arbeit in den Schulen – über die Arbeit in verschiedenen Fachkonferenzen – angegangen werden kann.

Modul 2 (Hilbert Meyer, Liane Paradies, Christel Wopp)

Methodenvielfalt und Methodenkompetenz

Die Qualität von Unterricht ist auch abhängig von der Methodenvielfalt und Methodenkompetenz der Lehrkräfte. In diesem Modul wird ein Überblick über Grundformen des Unterrichts, Kriterien für die Qualität von Unterricht und Möglichkeiten zur Verbesserung der Methodenkultur gegeben. Es wird darüber nachgedacht, wie solche Methoden gewählt werden können, die zu den gesetzten Zielen des Unterrichts, der Struktur des Inhalts und den Lernprozessen der Schülerinnen passen. Darüber hinaus wird erörtert, wie Methoden so eingesetzt und differenziert werden können, dass sie das Wissen und Können der Schülerinnen und Schüler mit befördern und den angestrebten Kompetenzstufen angemessen sind. In diesem Modul wird ein Überblick über unterschiedliche Methoden gegeben und Chancen für ihren Einsatz in geschlossene und offenen Unterrichtssituationen erörtert.

Modul 3 (Wolfgang Mischke)

Lern- und Lehrstrategien in heterogenen Gruppen (Differenzierung)

In diesem Modul wird – basierend auf einer Begriffslandkarte – ein Modell für die Erfassung der wichtigsten Faktoren des Handlungsfeldes Unterricht und für die Planung und Steuerung des Unterrichts entwickelt. Dabei wird das Lernen und der Lernprozess der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt gestellt. Wolfgang Mischke entwickelt die Überlegung, dass Unterricht als zielführende Abfolge von Lernarrangements inhaltliche, soziale und dramaturgische Gesichtspunkte gleichzeitig zu bedenken habe. Planungsüberlegungen müssen nicht nur auf einer Sachanalyse und didaktischen Analyse basieren, wie sie gegenwärtig in der Lehrerausbildung der ersten und zweiten Phase im Mittelpunkt standen, sondern das Nachdenken über zu erreichende Kompetenzniveaus durch eine Lernstrukturanalyse und eine Aufgabenanalyse ergänzen. Auf diesem Hintergrund verändert sich die Planungsarbeit der Lehrkraft, die über Inhalte des Unterrichts, den Lernprozess der Schülerinnen und Schüler und über die Verschränkung beider in geeigneten Lernarrangements nachdenken muss. Soll auf die heterogenen Lernvoraussetzungen und Lernprozesse der Schülerschaft Rücksicht genommen werden, sind – neben dem Standardarrangement – alternative Lernarrangements zu denken. Der Prozess des Unterrichtens muss dabei – über Diagnose der Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler – gesteuert werden. Des weiteren sind Prozesse von Klassenmanagement und Eingehen auf Lernschwierigkeiten und Unterrichtsstörungen zu berücksichtigen.

Modul 4 (Wolfgang Mischke)

Fehleranalyse, Diagnostik und Förderplanung

Diagnostische Kompetenz meint die Fähigkeit eines Urteilers, Personen und ihre Merkmale resp. Zustände zutreffend zu beurteilen. In der Schule spielen informelle (im Gegensatz zu wissenschaftlichen) Diagnoseleistungen eine wichtige Rolle. Qualität und Güte diagnostischer Urteile von Lehrkräften sind dann von Bedeutung, wenn sie auf die Wahrnehmung von individuellen Fehlvorstellungen, Lernstrategien und Verständnisschwierigkeiten der Schülerinnen und Schüler zielen. Diagnostische Kompetenz ist die Grundlage für die Optimierung von Lehr-Lern-Prozessen und die Gewährung von Strukturierungs- und Unterstützungsmaßnahmen.

Das Modul thematisiert die Konstruktion von Lernarrangements zur Behebung von Lernproblemen, Lernschwierigkeiten oder Lernbehinderungen. Es basiert auf der These, dass dies nur dann gelingen kann, wenn – im Rahmen der Erhebung eines Schülers resp. einer Schülerin zum Fall – die multiplen Ursachen seines/ihres Lernproblems ermittelt, eine sinnvolle Intervention konzipiert und ihre Wirksamkeit überprüft wird. Daher wird in diesem Modul eine grundlegende Heuristik des Förderns (Fallkonzept) dargelegt, die aufweist, wie – auf der Grundlage eines vermuteten Lernproblems – die diagnostische Klärung vorgenommen werden kann, die zu einer ersten Hypothesenbildung führt. Diese wird die Grundlage für die Intervention im Rahmen eines Förderplans, der Fördermaßnahmen, ihre Durchführung und Evaluation vorsieht. Für die Fallbesprechung bedeutsam sind Modelle des Verstehens, einschließlich zweier Verarbeitungsmodi von Informationen (synthetisch und analytisch) und Heuristiken. Daneben werden Grundlagen und Arbeitsschritte des Diagnostizierens (Klärung des diagnostischen Problems, Datenerhebung, Auswertung, Interpretation, Entwicklung eines Förderplans) vorgestellt. Es wird gezeigt, welche Datenquellen im Schulalltag für das Diagnostizieren zur Verfügung stehen (Arbeitsproben, Aufgaben, Fehler der Schüler/innen) und welche weiteren Verfahren (Beobachtung, Befragung) verwandt werden können. Zwei Verfahren zum Vorgehen (nämlich die Sequentielle Strategie nach Zielinski und die Kind-Umfeld-Analyse) werden genauer vorgestellt. Es wird gezeigt, wie im Rahmen von Förderkonferenzen oder Fallbesprechungen in LehrerInnengruppen diese Verfahren in den Schulalltag implementiert werden können.

Modul 5 (Franz Wester)

Entwicklung von Unterrichtsqualität als Teil von Schulentwicklung

Unterrichtsqualität sichern und entwickeln ist Aufgabe der gesamten Schule. Dabei kann die Formulierung von Standards auf einer Auseinandersetzung mit dem angestrebten Kompetenzniveau im Unterricht in den verschiedenen Lernbereichen und Fächern, die Entwicklung des Unterrichts durch Nachdenken über angemessene (alternative) Lernarrangements, das Nachdenken über Lernprobleme und deren Reflexion in Fallkonferenzen mit dem Ziel der Entwicklung von Förderkonzepten ergänzt werden durch ein Wissen über die Entwicklung der Schule als Organisation. Franz Wester bündelt Überlegungen zur Qualitätsentwicklung in der Schule und zum Lernen in der Organisation Schule, indem er verschiedene Theorien von Schule und ihrer Weiterentwicklung vorstellt. Sie ist abhängig von der Akzeptanz dieser Aufgabe durch alle in der Schule Mitwirkenden, d. h. von Personen und ihren Beziehungen, von der Leitung und den Strukturen ebenso wie von der Kultur der Schule und ihrem Umfeld.

 

5. Zur Verbesserung der Qualität von Unterricht durch Lehrerfortbildung – Abschließende Überlegungen

Überlegungen zur Weiterentwicklung von Schulen setzten lange Zeit darauf, durch individuelle Lehrerfortbildung eine Verbesserung der schulischen Praxis zu erreichen. In der Kritik dieser Ansätze wurde herausgestellt, dass eine individuell angelegte Lehrerfortbildung zwar zur Vermehrung des Wissens der/des einzelnen Lehrkraft führen kann, jedoch nicht unbedingt dem Gesamtsystem Schule zugute kommen muss. Mit dem Konzept der „Schulinternen Lehrerfortbildung“ wurde darauf gezielt, die Schule als gesamtes System in den Blick zu nehmen und durch Einbezug aller Lehrkräfte eine Verbesserung der Arbeit in der Schule zu bewirken. Lange Zeit war mit diesem Ansatz die Wahl der Themenstellung für die Fortbildung der gesamten Schule durch die Lehrkräfte oder die Schulleitung selbst verbunden.

Mit der Neuorientierung auf die Verbesserung der Schule durch Verbesserung der Qualität des Unterrichts wurde in einzelnen Bundesländern darauf gesetzt, durch die Implementation eines gewählten Konzeptes den Unterricht zu verbessern. Qualitätsarbeit im Projekt „Schule und Co“ basierte auf der Kooperation mit Heinz Klippert und dem von ihm favorisierten Ansatz. Es sieht das Training einzelner Lehrkräfte vor, die in Qualitätsnetzwerken ihr Wissen weitergeben sollen.

Unseres Erachtens ist das Konzept aus folgenden inhaltlichen Gründen unzureichend:

· Es formuliert nicht, auf welcher Stufe der Kompetenz ein Inhalt jeweils zu bearbeiten ist.

· Es ordnet zu wählende Methoden nur unzureichend unter domänenspezifischen Gesichtspunkten den gewählten Inhalten zu und konkretisiert Lernverfahren und Methoden nicht für verschiedene Lernbereiche resp. Fächer.

· Es zielt auf eine allgemeine, damit aber unspezifische und letztlich unwirksame Vermittlung von Lern- und Arbeitstechniken an die Schülerinnen und Schüler.

· Es verdeutlicht nicht, wie Professionalisierung der Lehrkräfte, Unterrichtsentwicklung und Schulentwicklung miteinander verknüpft werden können.

· Es suggeriert, eine Verbesserung des Unterrichts sei mit einem Ansatz denkbar.

In der Verwaltung der Kultusministerien und bei den Lehrkräften wird aber die Vorstellung geweckt, durch das Training sei in kurzer Zeit auf der Ebene des Unterrichts eine positive Wirkung zu erzielen. Die Lehrkräfte erwarten von der Fortbildung nützliches Wissen und Können, das sie sofort im Unterricht einsetzen können (Eimermodell).

 

Dagegen ist der Oldenburger Ansatz von der Idee getragen, dass Lehrkräfte gestützt werden müssen, in Auswertung empirischer Ergebnisse wissenschaftlicher Studien und in Beteiligung an der Weiterentwicklung der didaktischen und fachdidaktischen Diskussion eine Verbesserung des Unterrichts zu erwarten. Wir werfen die Frage nach dem Kompetenzaufbau durch Unterricht und Schule auf, artikulieren die Notwendigkeit und Möglichkeit, sich an Standards zu orientieren oder solche selbst zu formulieren. Darüber hinaus sind wir der Meinung, dass sich an der Frage der Organisation von Lernprozessen und an den Schülerleistungen und nicht an „Oberflächenphänomenen des Unterrichts“ die Qualität von Unterricht erweist. Daher zielen wir darauf, ein angemessene Modell des Unterrichts und seiner Entwicklung in Schulen und in Netzwerken aufzubauen, um so den Unterricht zu verbessern.

 

Literatur:

Bargel, Tino: Gesellschaftliche Zukunftsszenarien und die Qualität von Schule – ein Essay zur Schulentwicklung. In: Hessisches Institut für Bildungsplanung und Schulentwicklung (Hrsg.): Schulentwicklung im Umbruch. Beiträge auf dem Arbeitskreis >Qualität von Schule<. Heft 6, Wiesbaden, Konstanz 1992, S. 23-34

Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen: Leske+Budrich 2002

Esslinger, Ilona: Berufsverständnis und Schulentwicklung: ein Passungsverhältnis? Bad Heilbrunn: Klinhardt 2002

Fend, Helmut: Qualität im Bildungswesen. Weinheim und München: Juventa 1998

Fend, Helmut: Qualität und Qualitätssicherung im Bildungswesen: Wohlfahrtsstaatliche Modelle und Marktmodelle. In: ZfPäd 41. Beiheft. Weinheim und Basel: Beltz 2000, S. 55-72

Fried, Lilian: Schulentwicklung und Professionsverständnis: Weinheim und München: Juventa 2002

Kiper, Hanna: Literacy versus Curriculum. In: Moschner, Barbara, Kiper, Hanna, Kattmann, Ulrich (Hrsg.): PISA 2000 als Herausforderung. Perspektiven für Lehren und Lernen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2003, S. 65-86

Kiper, Hanna, Meyer, Hilbert, Topsch, Wilhelm: Einführung in die Schulpädagogik. Berlin: Cornelsen, Scriptor 2002

Riecke-Baulecke, Thomas: Effizienz von Lehrerarbeit und Schulqualität. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2001